Lebenswelten der radikalen Rechten

Praktiken, Ideologien und Strukturen, 1945–2000

Tagung des Projekts »Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000« in Kooperation mit dem Zeithistorischen Arbeitskreis Extreme Rechte (ZAER)
Organisation: Frank Bösch/Gideon Botsch

27./28. Juni 2024
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam

Gerade in Deutschland basierte die radikale Rechte lange Zeit weniger auf gut organisierten Parteien denn auf locker vernetzten Gruppen, die im Alltag interagierten und so gemeinsame Vorstellungen und Werte entwickelten. Ihre Lebenswelten lassen sich als ein kommunikatives Handeln verstehen, das gemeinsame Vorstellungen und habituelles Auftreten festigte, etwa durch Jugendverbände, Szenen, Begegnungen an festen Orten, Ausflüge, Vereine, Sport, Medien, Musik und Kleidung. Aus ihnen heraus entstanden rassistische Vorstellungen, politische Gruppen oder gewaltsame Aktionen.

Die Tagung untersucht diese rechten Lebenswelten. Sie fragt, wie sie sich seit den 1950er-Jahren neu formierten und im generationellen und gesellschaftlichen Wandel veränderten. Welche Strukturen, Orte und Praktiken der Vergemeinschaftung entstanden, welche teils bis heute prägenden Deutungen und Ideologien wurden dabei generiert und tradiert? Dabei blickt die Tagung auf Jugendgruppen und mediale Diskurse, auf Gewaltpraktiken und Interaktionen mit dem Staat oder auch auf Verbindungen ins Ausland.

Anmeldung
Wegen des begrenzten Platzangebots bitten wir um Anmeldung bis 10. Juni 2024 per E-Mail an: rechtelebenswelten@zzf-potsdam.de.
Reise- und Übernachtungskosten sind von den Teilnehmenden zu tragen. Die Tagung selbst ist kostenlos.



PROGRAMM

Donnerstag, 27. Juni 2024

13.00 Uhr
Begrüßung und Einführung

Frank Bösch (ZZF Potsdam) und Gideon Botsch (MMZ Potsdam)

13.30–15.00 Uhr
Räume und Milieus

Anette Schlimm (München)
In ihrem natürlichen Habitat? Überlegungen zur Kopplung von Ländlichkeit und extremer Rechter

Dominik Rigoll (ZZF Potsdam)
Rechte Milieus und rechte Parteien im besetzten und geteilten Deutschland

Moderation: Paula Diehl (Kiel)

Pause

15.30–17.30 Uhr
Jugend, Geschlecht und »Wertewandel«

Niklas Krawinkel (Frankfurt a.M.)
»An den Zeltleinen wehte da und dort neben dem Fahrtenwimpel eine Kinderwindel.« Extrem rechte Lebenswelten in der Wiking-Jugend (1952–1994)

Laura Haßler (ZZF Potsdam)
Das Volk, myself and I. Singularisierungseffekte bei den Jungen Nationaldemokraten

Sebastian Bischoff (Bielefeld)
Die Lehre vom rechten Lieben und widerständige Praktiken gegen die bundesdeutsche »sexuelle Revolution« in den langen 1960er-Jahren

Moderation: Ann-Kathrin Mogge (Kassel)

Pause

18.00–19.30 Uhr
Antidemokratische Organisierung im demokratischen Verfassungsstaat

Karsten Wilke (Düsseldorf)
Staatliche Repression und radikal-rechte Lebenswelten, 1950er- bis 1980er-Jahre

Eric Angermann (Potsdam)
Nationalismus als Antriebskraft. Rechte Gewalt und neonazistische Organisierung nach dem Mauerfall am Beispiel von Cottbus

Moderation: Anke Hoffstadt (Düsseldorf)

20.00 Uhr
Abendessen

Präsentation der kommentierten Online-Quellensammlung: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000

Freitag, 28. Juni 2024

9.00–11.00 Uhr
Zeitschriften: Forum, »Leserkreis« und Erzählgemeinschaft

Marie Müller-Zetzsche (MMZ Potsdam)
»Das Gespräch mit dem Leser«. Vergemeinschaftungen im Umfeld der Zeitschrift Nation Europa

Felix Schilk (Tübingen)
Die Neue Rechte als Erzählgemeinschaft: Zur narrativen Tradierung rechter Ideologie

Alexandra Mehnert (Leipzig)
»Es empfiehlt sich immer, einen Foiersturm im Hause zu haben!« Kommunikatives Handeln und soziale Praktiken der extremen Rechten in Zines von 1990 bis 2000

Moderation: Matheus Hagedorny (Potsdam)

Pause

11.30–13.00 Uhr
Bewaffnete Lebenswelten

Barbara Manthe (Bielefeld)
Gewaltpraktiken und -wirkungen im westdeutschen Rechtsterrorismus, 1950 bis 1990

Jakob Saß (ZZF Potsdam)
Waffenbeschaffung, Eliteausbildung und »Ersatzfamilie«: Die Bundeswehr als Ziel und Ausgangspunkt von Rechtsterrorismus

Moderation: Gideon Botsch (MMZ Potsdam)

Mittagessen

14.00–15.30 Uhr
Transatlantische Transfers

Annelotte Janse (Utrecht)
»The key for worldwide change lies in America«: Transatlantic Catalysts in the Radicalisation of West German Neo-Nazis, 1961–1980

Michelle Lynn Kahn (Richmond)
»An Imported Fascism«? Evaluating the American Influence on German Neo-Nazism, 1970s–1990s

Moderation: Graham Macklin (Oslo)

Pause

16.00–17.30 Uhr
Reisen ins autokratische Ausland

Pablo del Hierro (Maastricht)
Building a New Life in Franco’s Spain. The Everyday Activities of German (Neo)-Nazis in Madrid, 1944–1953

Johannes Dafinger (Salzburg)
»Zu Gast bei Freunden«: Die deutschsprachige extreme Rechte reist nach Süd(west)afrika/Namibia, 1960er- bis 1980er-Jahre

Moderation: Damir Skenderovic (Fribourg, CH)

17.30–18.00 Uhr
Abschlussdiskussion

Leitung: Gideon Botsch/Frank Bösch